Geschichte der türkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien

Frå Esnoga.no
Nagels kart over Wien frå 1770. Hus nr. 307, der den første sefardiske synagogen var, er markert med fargelegging her.

Geschichte der türkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien von ihrer Gründung bis heute nach historischen Daten Verfaßt von Adolf v. Zemlinsky, Sekretär der türkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien.
Übersetzt in's Jüdisch-spanische von Michael Papo, Funktionär der türkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien.
Wien 1888.
Verlag von M. Papo, Novaragasse 27. — Druck von M. Knopflmacher.


Deutsch איספאנייול norsk

1. Gründung der sephardischen Gemeinde in Wien.

Generationen sind entstanden, sind gefallen — im Wirbelsturme der unaufhaltsamen Zeit wurde sie hinweggefegt, verweht — um neuen — kommenden Platz zu machen.

Große Folianten verzeichnen das Leben und Wirken der verschiedenen Völkerstämme underer Erde — und dieselben Folianten erzählen uns wieder von dem Niedergange dieser Völker, von deren gänzlichen Aussterben und zir Zeichen, oft auch nue Andeutungen und Sagen lassen der Vermuthung Raum, daß sie überhaupt jemals existirten.
Doch mit ehernem Griffel ist der Bestand eines Volksstammes in den Blättern der Weltgeschichte verzeichnet, der Bestand eines mächtig großen Volksstammes, dessen Geschichte gar eng verflochten sind, mit dem anderer Volksstämme und alle diese Folianten widmen immer und immer wieder ein Blatt der Geschichte dieses Volkes, das in Folge maßloser an ihm verübter Grausamkeiten und Unterdrückungen jeglicher Art, eine Zeit lang der Befürchtung Raum gab, auch diese so große Nation würde vergehen, verderben.
Diese befürchtungen erfüllten sich jedoch nicht. — Dieser tausend- und aber tausenjährige Volksstamm hatte einen festen sittlichen Halt in seinen Traditionen — unentwegt ging er auf seiner sich selbst vorgezeichneten Bahn unbeschadet all der Anfeindungen vorwärts und so kam es, daß heute in unserem Jahrhunderte des Geistes und Wissens, das Judenthum großund mächtig ist, wie vor.
In allen Theilen der Erde haben sich die Abkommen dieses großen historischen Volksstammes eingebürgert, haben sich ausgebreitet, größere und kleinere GEmeinden gebildet, die von den Regierungen anerkannt, oft aber auch nur geduldet wurden.
Freilich kam es leider mur zu oft zu Wirrnissen und Vervolgungen der Juden, meist durch gehässigen Egoismus und Neid hervorgerufen.
Namentlich waren es Spanien und Portugal, diese sogenannten rein Katholischen Lande, die am vervolgungssüchtigsten gegen das Judenthum, und zahllose Leben fielen diesen gehässigen Fanatikern zum Opfer, machten so viele glückliche und friedlich lebende Familien elend und zu Bettlern.
Auch noch das achtzehnte Jahrhundert weiß von diesen Grausamkeiten gar Manches zu erzählen und gar Viele wurden gezwungen ihr Geburtsland zu verlassen, sich eine neue Heimat zu gründen auf fremder Erde.
Diese Unglücklichen verließen fast ziellos Spanien und wendeten sich zumeist dem Oriente zu, jenem Lande, welchen noch nichts von Cultur und Civilisation wußte, demnach auch Jedem gastliche Aufnahme gewährte, keinen wilden fanatischen Glaubens- und Rassenhaß kannte.
Andere dieser Unglücklichen, Heimatlosen, fanden auf österreichischem Boden Schutz gegen alle Vervolgungen.
Unter diesen sich in Oesterreich, namentlich in Wien ansässig machenden Wenigen, befand sich eine Familie, deren Geschick gar innig verflochten sein sollte, mit dem der heutigen sephardischen Juden in Wien.
Es war dies Moses Lopez Perera Diego d'Aquilar[1] und seine Gemalin, welche zu Beginn des Jahres 1730 Wien zu ihren bleibenden Wohnsitz wählten.
Schon wenige Jahre später, und zwar im Jahre 1736 (5496) hatten sich um ihn einige Anhänger versammelt, welche eine kleine Gemeinde nach sephardischen Ritus bildeten.
Zu diesen Anhängern gehörten namentlich die Familien Abraham Kamondo, Aron Nissan und Naftali Eskenasy aus Constantinopel, welche alltäglich ihren Gottesdienst im Hause Nr. 307 innerhalb der Ringmauern abhielten.
Dies war der Beginn, diw Fundamentirung der heute bestehenden türkischen Israeliten-Gemeinde zu Wien, deren Gründer Moses Lopez Perera ist.[2]
Mehr denn 150 Jahre zind bis heute im Strome der Zeit begraben, seit jene kleine Gemeinde gottesfürchtiger Männer in einem kleinen Gemache ihrer Gottesverehrung huldigten, dieses kleine Gemach zum Heiligthume weihten, und heute nach 150 Jahren haben die Nachkommen dieser Männer eine ähnliche Feier begangen.
Auch sie weiheten das neue dem Dienste Gottes gewidmete Gebäude ein — doch groß und prächtig ist es erstanden und was damals fromme Gottesfurcht angestrebt, ist heute zur vollendigten Wirklichkeit geworden und die Mauern des kleinen Heiligthumes haben sich erweitert und die belebende Allgewalt Gottes machte diese kleine Gemeinde stark und mächtig werden und wenn sich damals kaum sehn Personen sum Gottesdienste versammelten, zählt die Gemeinde wie sie heute existirt und blüht mehr den 800 Seelen.
Wenn gleich nur ein verhältnißmäßig kurz zu nennender Zeitraum zwischen der Gründung der sephardischen Gemeinde in Wien und dem Heute liegt, so fehlen doch fast ganz und gar schriftliche Aufzeichnungen über das Wirken derselben von damals und gar manche Lücke macht sich leider fühlbar.
Wollten wir mündlichen Traditionen Glauben schenken, so würden sich gar mancherlei Bindemittel finden, worunter namentlich eine traditionelle Fabel über das Entstehen dieser GEmeinde spricht, welche wir hier in Kürze wiederzugeben uns verplichtet halten, da eben die Hauptperson dieser Fabel identisch ist mit der des Gründers unserer Gemeinde.
Im Jahre 1728 war die Schreckensherrschaft der Inquisition in schönster Blüthe und Gräuel jeder Art kennzeichneten die Macht dieses priesterlichen Schreckensbundes.
Die „Gewalttaufen” war obligatorisch eingeführt, und wehe dem Juden der sich weigerte „zur alleinseligmachenden Kirche” überzutreten.
Wer sich durch Flucht retten konnte — der that es — wer nicht, der mußte eben Christ werden der Form nach, wenngleich er in seinem Innern doch imme Jude blieb wie zuvor, er worde „Maranne”.
Es war eine jener Nächte, wie sie in Spanien nicht häufig wiederkehren. — Wild peitschte der Sturm den strömenden Regen an die Fenster des Inquisitionspalastes in Madrid. — Blitz auf Blitz erleuchterte immer und immer wieder die finstere Nacht, während grollend der Donner nachhallte.
Vor dem Thore des Palastes stand im strömenden Regen ein Weib, — starren Auges zu den matterhellsten Fenstern emporschauend.
Was kümmerte sie der Regen, — des Wetters Ungemach — in ihrem Herzen brannte es siedenheiß. — Und immer wieder legte sie die Hand an den Thorklopfer — und immer wieder trat sie zurück, schaute zum Fenster empor.
„Muth, armes Herz”, flüsterte sie plötzlich. „Muth, es muß sein — gilt es ja doch die Errettung vom Tode” und mit raschem Entschluße pochte sie an das Thor — daß es laut dröhnend wiederhallte.
Das Thor öffnete sich — schloß sichg wieder lautlos hinter der Frau, wie es sich schon zu viele tausendmal hinter den ynglücklichen Opfern von Willkür und ausschweifenden Fanatismus geschlossen hatte.
Die Frau hatte jetzt all’ ihren Muth zusammengenommen und mit fester befehlender Stimme sagte sie mur einfach zum Thorwächter:
„Führen Sie mich zum Inquisitor Diego d'Aquilar.”
Schweigend, ohne irgend welche Einwendungm ging der Diener die breite Marmortreppe voran — die Frau volgte.
Und dann durchschritten die Beiden mehrere Corridore und Säle, bs sie endlich vor einer kleinem Thüre anhielten.
„Wem soll ich melden?” fragte der Diener ehrbietig.
Ohne irgend eine Antwort griff die Frau rasch nach dem Thürdrücker, diese öffnete sich und sie stand dem Inquisitor gegenüber.
Einen einzigen Blick nur hatte die Frau auf ihn geworfen, und dann hatte sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckt und ein Weheruf zitterte über ihre bleichen Lippen.
„Wer seid ihr Frau und was soll euer Hiersein zur nächtlichen Stunde?” fragte der Inquisitor.
„Um Gnade will ich flehen für ein mir theures Leben. Schon morgen, wenn der Sonne ersten Strahlen, ein neues Leben, ein neues Athmen künden, führt meine Tochter man zum Scheiterhaufen hin mir. Und doch hat kein Verbrechen sie begangen, — hat nur befolgt den Rath der Mutter.”
„Wer nennst Du Deine Tochter?” frug der Inquisitor.
„Es ist das Mädchen, das man zur Taufe gewaltsam zwang und nun zurückgekehrt zu jenem Glauben ist, den mit der Muttermilch sie eingeschlürft.”
„Für sie ist keine Gnade”, sagte der Inquisitor dumpf, „armes Weib, Dein Kommen ist vergebens.”
„Wie Inquisitor? Du wolltest sie ohn’ Erbarmen sterben lassen, dem schrecklichen Feuertode überliefern?”
„Ich muß, das Urtheil ist gesprochen, nimmer kann ich es mehr wiederrufen.”
„Nimmer!” schrie die Frau, „nimmer, sagst Du, auch nicht, wenn ich dir erzähle, daß dieses Mädchen Deine Schwester, daß diese Frau, die vor Dir kniet und um Gnade bittet, Deine Mutter ist — auch dann nicht?”
„Höre! und ich schwöre es Dir, daß nicht ein Hauch von Unwahrheit übe rmeine Lippen kommen soll.”
Und die Frau begann zu erzählen:
„Dein Vater starb auf dem Scheiterhaufen. Ich und Deine dreijährige Schwester wurden begnadigt, indem wir den Christenglauben annahmen. Wenige Tage später erblickest Du das Licht der Welt. — Du wurdest im jüdischen Glauben erzogen, bis eines Tages, Du warst bereits sieben JAhre alt geworden, Inquisitionsdiener Dich mir raubten und ich nur mit genauer Noth mit Deiner Schwester abermals fliehen konnte.
„Als sie nun zur Jungfrau herangeblüht, kehrte ich mit ihr nach Madrid zurück und obwohl sie Christin, konnte sie die Liebe zum Judenthums nicht aus ihrem Herzen reißen. — Wo immer sie nur konnte — trachtete sie die in Madrid weilenden Juden vor ihrem drohenden Unglück zu warnen. — Leider ist ihr vor wenigen Tagen solch’ ein Versuch mißlungen — und nun wartet ihrer ein grauenhaften Tod. — Glaubst Du nun meinen Worten — oder meinst Du immer: eine Wahnsinnige stehe vor Dir. — Antworte mir, Mosche Perera.”
„Mosche!”
Dieser Name weckte plötzlich tausende von Erinnerungen im Herzen des Inquisitors; er erinnerte sich mit einemmale dieser Frau, seiner Mutter, des schönen bleichen Mädchens, seiner Schwester — und mit beiden Armen umklammerte er die vor ihm stehende Frau und immer wieder rief er:
„Mutter! — meine Mutter!”
Doch mit einemmale stieß er einen schrecklichen Schrei aus: „Die Schwester muß ich retten, schnell, ehe es zu spät wird”, und hastig verließ er das Gemach.
Lange — lange wartete die Frau geduldig — bis endlich der Inquisitor im Rahmen der Thüre erschien. Sein Anlitz war von leichenhafter Farbe überzogen — sein Körper gebeugt.
„Vergebens, Mutter,” sprach er traurig, „ich kann Dir nicht geben, was Du verlangst — Dein Kleinod starb vor wenigen Stunden unter Folterqualen. — Warte noch — ich kehre bald wieder. — Wir verlassen zusammen dieses Haus des Schreckens, diese Stadt, dieses Land des Mordes, der Tyrannei — dies Kleid, nicht länger will ich es tragen.”
Schnell kehrte er wieder im Reiseanzug zurück — die Priesterkleidung hatte er abgelegt und nur eine goldene breite Kette hing um seinen Hals.
Diese Kette war ein Geschenk der Erzherzogin Maria Theresia von Oesterreich.
Als Kaiser Karl VI. mit seiner Tochter in Madrid weilte, veranstaltete der Inquisitor Diego d'Aquilar ein Bankett zu Ehren des Kaisers und seiner erlauchten Tochter, welche als Gäste in seinem Palais wohnten. Vor ihrer Abreise von Madrid übergab der Kaiser dem Inquisitor diese Kette.[3]
Und der Inquisitor verließ mit seiner Mutter Madrid und blieb verschollen.
Wenige Monate später kam er allein in Wien an. Seine Mutter war auf dem Wege gestorben.
Sofort begab er sich zur Kaiserin Maria Theresia, flehte sie um ihren Schutz für sich und mehrere spanische Flüchtlinge an, welche sich in Wien niedergelassen hatten.
Huldvoll wurde diese Bitte gewährt und den spanischen Juden nicht nur der Aufenhalt, sondern auch die Ausübung ihres Gottesdienstes gestattet.
Außerdem ernannte sie Moses Lopez Perera Diego d'Aquilar zum Hofjuden und Pächter des Tabakmonopols.
In kurzer Zeit konnte sich d'Aquilar zu einer sehr geachteten Stelle emporarbeiten und gewann sich die Sympathien vieler hohen Würdenträger, insbesondere intim wurde er mit dem Staatskanzler, welcher einer seiner täglichen Gäste in seinem Hause war.
Durch Vermittlung Moses Lopez Perera’s, wurden im Jahre 1736 fünf spanische Judenfamilien Temesvar ansässig, und zwar die Familien: Baruch,,, Tevet, de Leon, Largil und Amigo. Das Haupt letzterer Familie war ein sehr intelligenter MAnn, die Familie selbst war wegen ihrem enormen Reichthum sehr berühmt und Amigo war ebenso angesehen und geehrt bei Hofe wie d’Aquilar.
Zur selben Zeit wurden in Wien volgende spanische Familien ansässig:
1. Kamondo aus Constantinopel, das Oberhaupt derselben war Abraham Kamondo;
2. Nissan, das Oberhaupt war Aron Nissan;
3. Eskenasy, das Oberhaupt war Naftaly Eskenasy.
Alltäglich versammelten sich die spanischen Juden, an ihrer Spitze Perera, im Hause Nr. 307 innerhalb der Ringmauern und verrichteten dort ihre Gebete. Da kam eines Tages Perera die vertrauliche Mittheilung zu, „daß die Juden aus dem Bereich des österreichischen Landes ausgewiesen werden sollten.” Perera, welcher wohl wußte, von wem diese vertrauliche Mittheilung stammt, eilte zur Kaiserin in die Hofburg, wurde jedoch nicht vorgelassen und erjhielt den Bescheid, seine Besuche bei Hofe gänzlich einsustellen. Perera beeilte sich nun, seinem Freunde Amigo diese Trauerbotschaft hinterbringen zu lassen. Amigo beruhigte seinen Freund und versprach ihm, sofort nach Constantinopel zu reisen und durch den dort ansäßigen spanischen Juden Kamondo die Intervention Sr. Majestät de Sultans zu vermitteln. Und siehe da! schon nach wenigen Wochen kam ein außerordentlicher Courier des Sultans in Wien an, welcher in einer Audienz der Kaiserin Maria Theresia einen Brief des Halbmondbeherrschers übergab. Sofort ließ die Kaiserin ihren Rath zu sich berufen und in einer geheimen Sitzung wurde beschlossen, den Sultan zu benachrichtigen, daß die Kaiserin mit Freuden seine Bitte erfülle, umsomehr, da die Ausweisung der Juden aus Oesterreich noch nicht zum Beschlusse erhoben wurde. Noch am selben Tage löste die Kaiserin ihren Rath auf und betraute den Reichskanzler. zu welchem sie unbedingtes Vertrauen hegte, mit der Bildung des neuen Rathes. Auch ließ die Kaiserin des anderen Tages Diego d’Aquilar zu sich bitten, jedoch derselbe war Tags vorher, nachdem die Antwort der Kaiserin an den Sultan bekannt wurde, aus Wien verschwunden und man behauptete, er habe sich aus Wien geflüchtet, da die spanische Regierung seinen Aufenthalt erfuhr und seine Auslieferung von der österreichischen Regierung verlangte. Niemand wußte, wohin sich der Flüchtling gewendet hat. Thatsache jedoch ist es, daß in Begleitung des türkischen Couriers Kornel, ein Jude aus Constantinopel, auch ein Mann in Pilgertracht, Wien verlassen hat. Sollte dieser vielleicht d’Aquilar Perera gewesen sein? Nach einer Version soll sich Perera nach Amsterdam gewendet haben; nach einer anderen heißt es, d’Aquilar flüchtete sich nach Bukarest und wirklich lebte (1886) in der Hauptstadt Rumäniens eine alte reiche Dame, Jüdin, mit Namen Channa Aquilar. Sollte diese ein Nachkomme von Diego d’Aquilar Moses Perera sein? Kurze Zeit vor seiner Flucht aus Wien spendete d’Aquilar der spanischen Gemeinde zwei Paar „Remonim“ aus sehr feinem Silber, auf welchen folgende Worte in hebräischen Schrift eingravirt sind: „Moses Lopez Perera”, ebenso spendete er der sephardischen GEmeinde zu Temesvar zwei Paar Silber-Remonim und eine Silberkrone für „Sepher Tora”, ebenfalls mit obiger Eingravirung versehen. In einem hinterlassenen Schreiben stellte er das Ersuchen, falls die sephardische Gemeinde zu Wien wegen der geringen Mitglieder-Anzahl nich fortbestehen können sollte, so möge man die „Remonim” an die Temesvarer sephardische Gemeinde senden.
Es sind nun schon heute 150 JAhren seit der Begründung der beiden spanisch-israelitischen Gemeinden zu Wien und Temesvar verflossen und alljährlich wird am „Jom Kipur”-Abend ein Gebet für den Begründer dieser spanischen Gemeinde, Moses Lopez Perera Diego d’Aquilar, verrichtet.
Im Jahre 1750 vergrößerte sich bedeutend die Anzahl der spanischen Familien zu Wien, indem einige Familien, welche sich seinerzeit aus Spanien nach der Türkei geflüchtet hatten, sich in Wien niederließen.
Doch wir wollen nur auf streng legalen Beweisen fußen, wir wollen nur einzig sasjenige namhaft machen, das wir documentarisch zu erweisen vermögen und demnach läßt sich auch ohne anderen schriftlichen NAchweisen das Bestehen dieser GEmeinde auf mehr den 150 Jahren constatiren, nachdem sich im Besitze der türkischen Israeliten-Gemeinde zu Wien silberne Geräthschaften befinden,[4] auf welchen die Inschrift eingegraben ist: „Moses Lopez Perera 5498” — beiläufig also 1738.
Die Rechte des sogenannten „türkischen Colonie in Wien” zur Ausübung eines selbstständigen Gottesdienstes wurden mittelst kaiserlichen Patentes verbrieft und geschützt.
Leider wurde diese Urkunde nebst anderen hochwichtigen Schriftstücken durch eine Feuersbrunst im Jahre 1824 vernichtet.
Später, und zwar unterm 17. Juni 1778 wurde von der Regierung ein sogenanntes Reglement für die türkische Israeliten-Gemeinde ausgearbeitet, welches die innere Regelung und Ordnung der Gemeinde bezweckt.
Dieses Reglement, welches im Originale im Besitze der GEmeinde ist und eine nicht uninteressante Charakteristik der damaligen Zustände bildet, lautet:
Puncten,
die der in Sachsen aufgestellte Kais. Königl. Comissarius der gesamten Alhier sich befindenden Türkischen Judenschaft um die alhießige Türkische Jüdische Synagoge in gute Ordnung zu bringenund in selber zu erhalten ex offo aufgesezet. Vorgetragen und von der ganzen GEmeinde einstimmig sind angenohmen worden:
1. Vor allen andern sollen alle der Synagoge ausständige Schulden eincassiret werden; sonach
2. Solle über die neue einnahm und ausgaben der Synagoge ein ordentliches Buch oder Protocol gehalten, das Alte, weillen es Mangelhaft und unrichtig geführet worden, dem hiezu aufgestelten K.K. Comissari ad Cassandum übergeben werden.
3. Solle die Gemeinde alljährlich einen Vorsteher in gegenwart des obgedachten K.K. Comissari wählen, und den entweder neu erwählten oder confirmirten Vorsteher allen gebührenden Respect erweisen, dieser Würde werden alle sich nenende Sefaradim ausser denen Bedienten fähig seyn. Jedoch
4. Solle die Gemeinde Jederzeit einen des Lesens und Schreibens kündigen zum Vorsteher ernennen, wenn aber wider alles Vermutten einer des Lesens und Schreibens unkundiger solte gewählet werden, so solle ihm von der Gemeinde ad latus zur Führung der Controlerii de Buchs zugegeben werden.
5. Solle der Vorsteher der Gemeinde die Rechnung alljährlich in gegenwart des öfter gedachten K.K. Comissari anbefohlenermassen legen, auch bey Veränderung desselben den neu aufgestellten Vorsteher ebenfals in gegenwart des kurz gedachten Comissari alle der Synagoge zu gehörige Geräthschaften (welche alle specificirt werden sollen) übergeben.
6. Solle weder dem Vorsteher noch Jemand anderer aus der Gemeinde erlaubet seyn, das mindeste ausser dem Vorsteher die Täglichen Nothwendigkeiten ohne Vorwissen der ganzen Gemeinde . . . . .
7. Solle der Vorsteher einem Jeden alle halbe Jahr die Rechnung über die erkaufte Functionen machen, und die derowegen ausständige Schulden in erstgedachten Termin eincassiren, solte aber Jemand vor diesem halben Jahr verreisen oder auf Jemanden ein Verdacht der Flucht fallen, so solle der Vorsteher das ausständige quantum auch vor diesen halben Jahr einzucassiren befugt sein.
8. Solle der Vorsteher keinen sich anmeldenden Armen, oder sonst einem Rabiner aus der Synagoge-Casse ohne Vorwissen der ganzen Gemeinde etwas zu geben befugt seyn.
Die Stunde des Gebets anbetrefend:
9. Solle der Vorsteher mit einverständnis der ganzen Gemeinde alle Virtl Jahr die Stunde des Gebets bestimmen, und diese bestimte Stunde auch alle Viertl Jahr dem hiezu öfter gedachten aufgestelten K.K. Comissari um damit derselbe anbefohlermassen zur unbestimter Zeit die die Synagoge Visitiren und darauf halten könne andeiten.
10. Solle der Schulsinger eine halbe Stund vor der bestimmten Morgen, Abend und NAchtsgebetszeit die Synagoge eröffnen, alles zum Gebet zubereiten und das gebe zure bestimmten zeit nicht früher oder später ohne rücksicht auf die später ankommende, oder gar ausbliebende zuwarten anstimmen und ununterbrochen fortsetzen; sodann
11. Solle kurz gedachter Schulsinger dem Vorsteher alle Sontag oder bei Ausgang de sSabats die eingegangene Opfergelder damit selbe ordentlich protokolirt werden können, getreulich anzeigen, auch alle übrige seine schuldigkeiten empsig und fleissig bey Verlust seines Dienst beobachten[.] Dahingegen
12. Solle ihrer Schulsinger auch Jederzeit sein gebürender Respect von der Gemeinde gegeben werden.
13. Auch seine von gedachter Gemeinde einstimig bestimte Besoldung Wochentlich per dreyeinhalben gulden abgereichet werden; Jedoch stehet ihr Gemeinde bevor, allenfalls diese obgedachten Schulsinger derzeit bestimte Besoldung bey abnahme oder abgang der vorräthigen Cassa zu minder oder auch bey zuwachs derselben zu vermehreren, in gleichen auch mehrheit der Stimmen einen anderen Schulsinger nach vorhergehen ein Monatlicher aufkündung des alten aufzunehmen. — Endlichen
14. Wird der Türkischen Judenschaft besonders eingebunden, auf die Synagoge keine fremde Schulden bey ansonst auf sich ladender schärfster Verantwortung, je nach gestalt der Sachen auch bey Verlust der Synagoge zumachen.
Folgt die spanische hebräische Uibersetzung das diese von K.K. n. ö. Hr. Regirungs Secritari v. adami als in sachen angestelten Comisari in original teutscher Sprache aufgesetzte puncten von mir hier unten gefärtigten in die spanische sprach auf beföhl einer K. K. n. ö. Justiz BAnco Deputation treylich übersetzet worden und dieses dem originali gänzlich gleichlautend ist, bescheinig und vedemire hiemit wien den 18. Juny 1778.
Per Sacrae Caesarea Regiaege Majestatis Deputationen Bancalem in Justitialibus.
(L. S.) Wien, den 17. Juni 1778.

Franz Adami m. p.
Carl Ludwig Mayer m. p.,

K. K. n- ö. Justiz Banco Deputation geschworne Türk. partheyn Dolmetsch. (L. S.)
Im Jahre 5538 wurde dieses PAtent zum Heile aller Juden aufgehengen (publicirt) als die Herren Salomon Capon und Israel B. Haim Vorsteher waren.
Im Jahre 1824 entstand in dem damals in der Leopoldstadt, Obere Donaustraße, bestehenden Bethause aus unaufgeklärter Ursache ein Brand und vernichtete nicht nur sämmtliche Einrichtungsgegenstände und viele Werthsachen, sondern wie oben bereits erwähnt, auch all die Schriftstücke, welche auf das Entstehen der Gemeinde Bezug hatten.
Es wurde nun dieses Betlocale aufgelassen und ein neues gemietet, und zwar in der Leopoldstadt, Große Hafnergasse Nr. 321 (jetzt Große Mohrengasse, „Hotel weißes Roß”). Dortselbst wurden die Andachtsverrichtungen vom JAhre 1825 an abgehalten.
Die Gemeinde hatte sich immer mehr vergrößert und es mußte jetzt ernstlich daran gedacht werden, ein bleibendes Gotteshaus zu erhalten, um nicht immer den Zufälligkeiten und Wiederwärtigkeiten aller Art preisgegeben zu sein.
Am 2. December 1843 wurden der Gemeinde von Sr. Majestät dem Kaiser die Bewilligung zur Erbauung eines selbstständigen Gotteshauses gegeben, doch versuchte man es vorerst noch mit einer Adaptirung der bereits innehabenden Localitäten, zu welchem Zwecke auch vor der Gemeinde unterm 4. März 1851 Schuldverschreibungen an die Gemeindemitglieder in der Höhe von 12.000 Gulden Conventionsmünze, und zwar in Partialscheinen von 200 Gulden Conventionsmünze ausgegeben wurden. Diese Summe, welche zinsenfrei aufgebracht wurde, diente zur einneren Einrichtung der adaptirten Localitäten.

Merknader

  1. Diego d'Aquilar war im Jahre 1749 bei Hofe gerne gesehen. Er führte den Titel eines niederländischen und italienischen Rathes und lieh derselbe der Kaiserin Maria Theresia zur Erbauung von Schönbrunn einen Betrag von 300,000 fl., eine für die damalige Zeit enorm zu nennende Summe.
  2. Alljährlich, und zwar auf Jom Kipur wird für den Gründer der Gemeinde ein Todtengebet verrichtet.
  3. Namentlich in diesem Theile der Tradition bestehen mehrere Versionen. Die eine spricht von einem Handschuhe, welchen die Erzherzogin ihrem Jugendgespielen Diego d'Aquilar beim Abschiede gab und ihn aufforderte, wenner irgend etwas bedürfe, diesen Handschuh (nach anderer Version einen Schleier) zu senden oder selbst su kommen. In anderer Weise soll Kaiser Karl VI. dem Inquisitor d'Aquilar das Wort gegeben haben, wenn derselbe nach Wien kommen sollte, möge er sich an ihn wenden und der Kaiser würde, was in seiner Macht stände, für ihn thun.
  4. Zwei Paar silberne Remonim.